Der Rauschgoldengel aus Nürnberg
Der
Nürnberger Rauschgoldengel ist zum Ende des Jahres 1700 entstanden.Damals
lebte in Nürnberg ein Handwerksmeister namens Hauser. Dem war sein
einziges Kind, eine kleine Tochter, nach einer schweren Krankheit gestorben.
Ohnehin schon Witwer, lebte der Mann fortan allein in seinem Haus, und
der Schmerz über den Tod seines Kindes überwältigte ihn
so, daß er nicht mehr in seine Werkstatt ging, seine Freunde nicht
mehr aufsuchte und erst recht jeden Zunftabend mied.
Stundenlang saß er neben dem Bett, in dem das Kind gestorben war
und aus dem sie es fortgetragen hatten.Er starrte auf die Kissen, strich
darüber und konnte sich nicht in den göttlichen Ratschluß
finden. Er entließ seinen Gesellen, denn wozu sagte er sich, soll
es noch einen Sinn haben, an Schraubstock und Hobelbank zu stehen. Am
Tage, wenn die Fensterläden offen standen, schmerzte ihn das Sonnenlicht,
sobald aber die Dunkelheit kam, fürchtete er sich vor der Nacht,
in der ihn die Traurigkeit immer von neuem überwältigte.
Darüber verging die Zeit. Eines Nachts als er schließlich nach
langem Grübeln in einen leichten Schlaf gefunden hatte, ging plötzlich
die Tür auf, und von einem hellen Schimmer umgeben, sah er eine Gestalt
hereinkommen, ganz in ein goldenes Gewand gehüllt. Als der Mann genauer
hinsah, bemerkte er daß es das Nürnberger Gewand war. Außerdem
sah er daß das Wesen weder Arme noch Hände, dafür aber
zwei mächtige goldene Flügel hatte. Ein Engel! Jetzt kam dieser
Engel auf ihn zu, blieb an seinem Bett stehen, setzte sich dann und neigte
den Kopf zu ihm herunter. Da erkannte der Mann, daß er seine verstorbene
Tochter vor sich hatte.Sie lächelte und erzählte ihm, wie gut
es ihr ginge und sie bat ihn, nie mehr um sie zu weinen.
Der einsame Mann versprach es, aber davon erwachte er, fuhr im Bett hoch
und war allein, wie immer. Doch es kam ihm vor als ob ein goldener Glanz
in der Stube zurückgeblieben war, auch die Tür stand noch offen.
Da wurde ihm das Herz leicht, und er fand keinen Schlaf mehr bis der Morgen
kam, und immer sah er das Gesicht des Engels vor sich.
Als der Morgen graute, ging er in seine Werkstatt und suchte ein Klötzchen
Lindenholz. Das weiche Holz der Linde verarbeitete er selten, deshalb
dauerte es ein Weilchen, bis er das richtige gefunden hatte. Aber noch
während er suchte kehrte immer mehr Lebensmut zurück. Plötzlich
sah er wieder eine Aufgabe vor sich: Er wollte versuchen, das Gesicht
seines verstorbenen Kindes aus dem Lindenholz zu schneiden. Er wollte
es so schnitzen, wie er es in der Nacht als Engel gesehen hatte.
Die nächsten Tage schnitze er und je deutlicher ihn aus dem Holz
das Gesicht seines Kindes ansah, desto zufriedener wurde er. Doch mit
dem Gesicht alleine war es nicht getan. Er beschaffte sich Rauschgold
für die mächtigen Flügel, außerdem hatte der Engel
einen plissierten goldenen Rock getragen, den er aus einem dünn ausgewalzten
Messingblech fertigte.
In den nächsten Tagen war er so in seine Arbeit vertieft, daß
er nicht hörte wie an seine Tür geklopft wurde. Es waren seine
Freunde, denen es keine Ruhe mehr ließ, nachdem sie ihn tagelang
nicht mehr gesehen hatten. Sie versuchten durch die Ritzen der Fensterläden
zu sehen. Nur das glänzen und blitzen des Goldes war zu sehen. Dann
riefen und klopften sie lauter und da hörte er sie und ließ
sie eintreten.
Die Schönheit des Engels machte sie sprachlos. Er erzählte ihnen
von seinem Traum, aber ihnen genügte es, daß er wieder ins
Leben zurückgefunden hatte.
Um immer mit seinem verstorbenen Kind verbunden zu sein, fing der Mann
an mehrere Rauschgoldengel herzustellen.
Zum kommenden Christkindlesmarkt hatte er so viele fertig gebracht, daß
er einen Stand mietete und sie ausstallte. Wie immer, wenn es etwas neues
gibt, drängten die Käufer und rissen sich um die Rauschgoldengel.
Auch waren alle bereit, ohne zu feilschen gutes Geld für die Kunstwerke
zu bezahlen.
Rauschgoldengel kann man auch heute noch auf dem Nürnberger
Christkindelmarkt kaufen.
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