Heiligabend
von
Roland Rauch
Es war Heiligabend, überall im Land, auch in der großen Stadt. Eine Schneedecke
lag auf den Häusern und Straßen. Leicht vergilbt war sie schon, weil die
große Stadt sogar Weihnachten ihren schmutzigen Stempel aufdrückte. Aber
es standen Sterne am Himmel, nicht viele, doch schöne, schön wie eh und
je. Die Luft war zum Schneiden kalt, richtig anfassen konnte man sie.
Der Mann legte einen Nebelwattebausch vor sich in die Luft, der sich vor
Schreck in der Kälte gleich zusammen knäulte und dann langsam in die Nacht
davon schwebte. Er war allein. Ab und zu brauste ein Auto vorbei, in dem
es warm sein musste. Die Menschen darin fuhren zu einem Ziel, an dem andere
Menschen auf sie warteten und sich freuen würden. Über den Mann freute
sich niemand. Neulich hatte ihm einer gesagt, früher hätte man solche
Taugenichtse wie ihn umgebracht. Heute saß der wohl mit Tränen der Rührung
in den Augen vor irgend einem Weihnachtsbaum.
Der Mann hatte Hunger. Natürlich hätte er ins Asyl gehen können, wahrscheinlich
hatte man da heute Abend sogar eine Tischdecke aufgelegt. Aber nichts
in der Welt hätte ihn da heute hingetrieben. Er dachte an die kalten Fliesen,
die schlecht verputzten leicht fleckigen Wände, den abgestandenen Geruch,
vermischt mit Desinfektionsmitteln.
Er bemühte sich, an etwas anderes zu denken. Er wollte heute Nacht draußen
sein, er wollte sehen, ob es der Wärme seines geliebten Sternenhimmels
und der freien Luft noch einmal gelingen würde, die Kälte zu vertreiben,
die mit jedem Jahr schrecklicher für seinen alten Körper wurde. Vielleicht
würde er doch noch einmal spüren, was Weihnachten als Kind für ihn bedeutet
hatte.
Er setzte sich auf eine Bank. Um ihn herum war ein kleiner Park zwischen
zwei Hauptstraßen. Es war spät und der Park leer. Oder doch nicht? Auf
dem einzigen Weg kam eine alte Frau daher, langsam, als sei sie schwer
beladen. Aber sie hatte nichts bei sich, nur sich selbst. In ihrem Gesicht
gab es tausend Runzeln, Falten, ja Furchen wie auf einem Acker im Frühjahr.
Aber in ihren Augen war Sommer. Endlos lang ging sie auf den alten Mann
zu, dabei war sie ihm von Anfang an ganz nahe. Dann stand sie endlich
vor ihm., gebeugt, aber nicht außer Atem. Sie schauten sich an. Der Blick
der Frau war ernst und voller Liebe. In seinen Ohren rauschte es und er
hatte den Eindruck, als würde die Welt hinter der Frau sich langsam auflösen.
"Wie heißt du?" fragte sie ihn langsam. Ihre Stimme klang ruhig, etwas
rau und gebrochen vielleicht.
"Peter" hörte er sich einen Namen sagen, den er schon fast vergessen hatte,
denn er hatte im Mund der anderen Menschen meistens nur etwas hässliches,
wertloses gemeint. Aber diesmal löste sich das Wort sanft und freundlich
von seinem Mund, es wurde größer, immer größer und fing dann an, in den
Himmel davon zu schweben, höher und höher. Dort stand sein Name dann von
einem Horizont zum anderen in goldgelben Buchstaben geschrieben und Sterne
umflogen die Ränder. Dann wurde das Wort langsam wieder kleiner und verschwand
in der Unendlichkeit des schwarzblauen Nachthimmels.
"Warum schaust du so unglücklich?" fragte die Frau jetzt, während sie
ihre faltigen Hände, die aus graugelb geblümten Ärmeln kamen, auf seine
Schultern legte. Als die Frage ihn traf, hüllte sie ihn ein wie ein dicker
weicher Mantel und er fühlte eine Wärme in sich fließen, wie er sie schon
lange nicht mehr gespürt hatte.
Und dann erzählte Peter. Von der Schule erzählte er, wo die Menschen ihm
Fragen stellten, ohne dass ihm je einer Antworten gesagt hätte, von seinen
Eltern, die Karriere machten, von seinen Kindern, die Geld wollten, von
seinem Chef, der keinen Menschen wollte. Dann war da die Hoffnung auf
Bücher, die er doch nicht verstanden hatte, da waren Sozialhelfer, die
ihn nicht verstanden hatten, dann kam der Alkohol.
Alles, alles hörte die Frau sich geduldig an. Und all diese Worte, Bilder,
Geschichten, Peters Furcht und auch Peters Freude und Hoffnung, die mit
der Zeit freigeweht wurden, all das schwebte nach oben in den Himmel,
wurde größer, nahm tausend Farben an, sprühte, umgab sich mit goldenen
Girlanden, explodierte und schlug Feuerräder.
Es war ein gewaltiges Feuerwerk. Der Himmel war voll von blitzenden, leuchtenden
Worten, die langsam in die Weite des Weltalls davon schwebten. Nachdem
sich die Worte verloren hatten, war der Himmel übersät mit schillerndem,
blitzendem Staub. Und Peter war nicht mehr kalt. Seine Worte hatten seiner
Welt die lange vermisste Wärme zurückgegeben.
Lange starrte er ungläubig in den Himmel und nur langsam lösten sich seine
Gedanken von den Bildern.
"Du bist nicht von hier, nicht wahr?" rang Peter sich durch, zu fragen.
"Nein," lächelte die Frau, "aber ich bin hier, nur für dich und es war
ein langer Weg." "Warum besuchst du mich?"
"Du hast mich doch gerufen! Lass uns tanzen!"
Peter stand auf, schwerfällig, denn er hatte lange nicht mehr getanzt
und seine Knochen waren darüber mürbe geworden. Vorsichtig und unsicher
Umfasste er die alte Frau, der Stoff ihres Kleides fühlte sich grob an.
Er hatte etwas Angst, doch dann merkte er, dass seine Füße sich von selbst
bewegten. Oder bewegten sie sich gar nicht? Peter schwebte durch den Park.
Die Winternacht drehte sich um die beiden und jetzt hörte er auch die
Musik. Glocken klangen, ganz leise und sie gaben den Takt an. Ein Schwindelgefühl
hüllte ihn sacht und zärtlich ein. Die beiden Geliebten schienen stillzustehen
und die Welt drehte sich im Walzertakt.
Das lächelnde Gesicht der geheimnisvollen Frau beleuchtete Peter. Das
Leuchten dehnte sich aus und schon war alles um ihn herum in helles Licht
gebadet. Auch das Klingen der Glocken wurde größer und lauter und schien
die ganze Welt auszufüllen. Weiche, leuchtende, glitzernde Schneeflocken
wehten ihm jetzt ins Gesicht.
Das Lächeln der Frau war auf eine seltsame Weise anders geworden. Das
Lächeln eines Kindes? Es lag in seinen Armen und schrie und der alte Mann
spürte, wie ein Schauer von Glück seine Falten glättete. Die Schneeflocken
fielen immer wilder und schon war es ein Schneesturm, der ihm entgegenwehte.
Nur noch das Gesicht des Kindes schmolz mit seiner Wärme eine Öffnung
hinein. Peter schaute und schaute. Wärme floss zu ihm herüber, in ihn
hinein, füllte ihn ganz bis zum äußeren Rand seiner Haut mit Liebe. Und
nichts mehr sonst war da. Nur noch Liebe, Liebe, Liebe.
Der Schnee hatte den alten Mann auf der Bank zugeweht. Er saß still da,
wie ein Schneemann, den Kinder dort hingesetzt hatten. Die Hände hatte
er gefaltet, der Kopf war leicht nach vorne genickt.
Copyright: 2000,
Roland Rauch
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