Christkindl-Ahnung im Advent
von Ludwig Thoma
Erleben eigentlich Stadtkinder Weihnachtsfreuden? Erlebt
man sie heute noch? Ich will es allen wünschen, aber ich kann es nicht
glauben, daß das Fest in der Stadt mit ihren Straßen und engen Gassen
das sein kann, was es uns Kindern im Walde gewesen ist.
Der erste Schnee erregte schon liebliche Ahnungen, die bald verstärkt
wurden, wenn es im Haus nach Pfeffernüssen, Makronen und Kaffeekuchen
zu riechen begann, wenn am langen Tische der Herr Oberförster und seine
Jäger mit den Marzipanmodeln ganz zahme, häusliche Dinge verrichteten,
wenn an den langen Abenden sich das wohlige Gefühl der Zusammengehörigkeit
auf dieser Insel, die Tag und Tag stiller wurde, verbreitete.
In der Stadt kam das Christkind nur einmal, aber in der Riß wurde es schon
Wochen vorher im Walde gesehen, bald kam der, bald jener Jagdgehilfe mit
der Meldung herein, daß er es auf der Jachenauer Seite oder hinter Ochsensitzer
habe fliegen sehen. In klaren Nächten mußte man bloß vor die Türe gehen,
dann hörte man vom Walde herüber ein feines Klingeln und sah in den Büschen
ein Licht aufblitzen. Da röteten sich die Backen vor Aufregung, und die
Augen blitzten vor freudiger Erwartung.
Je näher aber der Heilige Abend kam desto näher kam auch das Christkind
ans Haus, ein Licht huschte an den Fenstern des Schlafzimmers vorüber,
und es klang wie von leise gerüttelten Schlittenschellen. Da setzten wir
uns in den Betten auf und schauten sehnsüchtig ins Dunkel hinaus; die
großen Kinder aber, die unten standen und auf eine Stange Lichter befestigt
hatten, der Jagdgehilfe Bauer und sein Oberförster, freuten sich kaum
weniger.
Es gab natürlich in den kleinen Verhältnissen kein Übermaß an Geschenken,
aber was gegeben wurde, war mit aufmerksamer Beachtung eines Wunsches
gewählt und erregte Freude. Als meine Mutter an einem Morgen nach der
Bescherung ins Zimmer trat, wo der Christbaum stand, sah sie mich stolz
mit meinem Säbel herumspazieren, aber ebenso frohbewegt schritt mein Vater
im Hemde auf und ab und hatte den neuen Werderstutzen umgehängt, den ihm
das Christkind gebracht hatte.
Wenn der Weg offen war, fuhren meine Eltern nach den Feiertagen auf kurze
Zeit zu den Verwandten nach Ammergau. Ich mag an die fünf Jahre gewesen
sein, als ich zum ersten Male mitkommen durfte, und wie der Schlitten
die Höhe oberhalb Wallgau erreichte, von wo sich aus der Blick auf das
Dorf öffnete, war ich außer mir vor Erstaunen über die vielen Häuser,
die Dach an Dach nebeneinander standen. Für mich hatte es bis dahin bloß
drei Häuser in der Welt gegeben.
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