Das Weihnachtsland
Von Heinrich Seidel
Im letzten Hause des Dorfes, gerade dort, wo schon der große Wald anfängt,
wohnte eine arme Witwe mit ihren zwei Kindern Werner und Anna. Das wenige,
das in ihrem Garten und auf dem kleinen Ackerstück wuchs, die Milch, die
ihre einzige Ziege gab, und das geringe Geld, das sie durch ihre Arbeit
erwarb, reichten gerade hin, um die kleine Familie zu ernähren, und auch
die Kinder durften nicht feiern, sondern mußten solche Arbeit leisten,
wie sie in ihren Kräften stand. Sie taten das auch willig und gern und
betrachteten diese Tätigkeit als ein Vergnügen, zumal sie dabei den herrlichen
Wald nach allen Richtungen durchstreifen konnten. Im Frühling sammelten
sie die goldenen Schlüsselblumen und die blauen Anemonen zum Verkauf in
der Stadt und später die Maiglöckchen, die mit süßem Duft aus den mit
welkem Laub bedeckten Hügelabhängen des Buchenwaldes emporwuchsen. Dann
war auch der Waldmeister da mit seinen niedlichen Bäumchen, die gepflückt
werden mußten, ehe sich die zierlichen weißen Blümchen hervortaten, damit
seine Kraft und Würze fein in ihm verbleibe. Sie wanden zierliche Kränze
daraus, denen noch, wenn sie schon vertrocknet waren, ein süßer Waldesduft
entströmte, oder banden ihn in kleine Büschel, die die vornehmen Stadtleute
in den Wein taten, auf daß ihm die taufrische Würze des jungen Frühlings
zuteil werde.
Später schimmerten dann die Erdbeeren rot unter dem niedrigen Kraut hervor,
und während nun die Kinder der reicheren Eltern in den Wald liefen und
fröhlich an der reichbesetzten Sommertafel schmausten oder höchstens zur
Kurzweil ein Beerensträußlein pflückten, um es der Mutter mitzubringen,
saßen Werner und Anna und sammelten fleißig "die guten ins Töpfchen, die
schlechten ins Kröpfchen". Aber sie waren fröhlich dabei und guter Dinge,
pflückten um die Wette und sangen dazu.
Noch späterhin wurden auf dem bemoosten Grunde des Tannenwaldes die Heidelbeeren
reif und standen unter den großen Bäumen als kleine Zwergenländer beieinander,
indem sie mit ihren dunklen Früchten wie niedliche Pflaumenbäumchen anzusehen
waren. Auch diese sammelten sie mit blauen Fingern und fröhlichem Gemüt
in ihre Töpfe, und dann ging's ins Moor, wo die Preiselbeeren standen,
die so zierliche Blüten wie kleine, rosig angehauchte Porzellanglöckchen
und Früchte rot wie Korallen haben und eingemacht über die Maßen gut zu
Apfelmus schmecken.
Von der alten Liese, die alle Tage mit einem hinfälligen Rößlein und einem
Wagen voll Gemüse und dergleichen in die Stadt fuhr und für die Kinder
verkaufte, was sie gesammelt hatten, lernten sie noch manches kennen,
was die Stadtleute lieben und gern für ein paar Pfennige erwerben.
So suchten sie in der Zwischenzeit allerlei zierliche Moose und Flechten,
wie sie in trockenen Kiefernwäldern mannigfaltig den Boden bedecken und
sich mit sonderlichen und zierlichen Gestaltungen bescheiden hervortun.
Da fanden sie solches rot und ästig wie kleine Korallen und anderes, das
einem Haufen kleiner Tannenbäumchen glich. Aus anderem wuchsen die Blütenorgane
gleich kleinen Trompetchen oder spitzen Kaufmannstüten hervor, während
wieder anderes kleine Keulen emporstreckte, die mit einem Knopf wie von
rotem Siegellack geschmückt waren. Solches Moos lieben die Stadtleute
auf einem Teller freundlich anzuordnen, damit sich ihr Auge, wenn es müde
ist, über die große Wüste von Mauern und Steinsäulen zu schweifen, auf
einem Stück fröhlichen Waldbodens ausruhen könne.
Unter solchen fleißigen und freudigen Tätigkeiten kam dann der Herbst
heran und die Zeit, da die Stürme das trockene Holz von den Bäumen werfen
und es günstig ist, die Winterfeuerung einzusammeln, die Zeit, wo sie
sich schon zuweilen auf die schönen Winterabende freuten, wenn das Feuer
in dem warmen Ofen bullert und sein Widerschein auf dem Fußboden und an
den Wänden lustig tanzt, wenn die Bratäpfel im Rohr schmoren und zuweilen
nach einem leisen "Paff" lustig aufzischen, und die Mutter bei dem behaglichen
Schnurren des Spinnrades ein Märchen erzählt. Unter solchen Gedanken schleppten
sie fröhlich Tag für Tag ihr Bündelchen Holz heim und türmten so allmählich
neben der Hütte ein stattliches Gebirge auf. Zuweilen hing auch ein Beutel
mit Nüssen an dem Bündel. Diese holten sie gelegentlich aus dem großen
Nußbusch, wo in manchen Jahren so viele wuchsen, daß, wenn man mit einem
Stock an den Strauch schlug, die überreifen Früchte wie ein brauner Regen
herabprasselten. Wenn sie davon genug mitgebracht hatten, wurden die Nüsse
in einen größeren Beutel getan und in den Rauchfang gehängt, um für Weihnachten
aufgehoben zu werden. Weihnachten, das war ein ganz besonderes Wort, und
die Augen der Kinder leuchteten heller auf bei seinem Klange. Und doch
brachte ihnen dieser festliche Tag so wenig. Ein kleines winziges Bäumchen
mit ein paar Lichtern und Äpfeln und selbstgesuchten Nüssen und zwei Pfefferkuchenmännern,
darunter für jedes ein Stück warmes Winterzeug und, wenn's hoch kam, ein
einfaches, billiges Spielzeug oder eine neue Schiefertafel, das war alles.
Doch der Spitze des Bäumchens ging ein Leuchten aus, das seinen traulichen
Schein durch das ganze Jahr verbreitete und dessen Abglanz in den Augen
der Kinder jedesmal aufleuchtete, wenn das Wort Weihnachten nur genannt
wurde.
Als es nun Winter geworden war und sie eines Abends behaglich um den Ofen
saßen und die Mutter gerade eine schöne Weihnachtsgeschichte erzählt hatte,
sah der kleine Werner eine Weile ganz nachdenklich aus und fragte dann
plötzlich: "Mutter, wo wohnt der Weihnachtsmann?" Die Mutter antwortete,
indem sie den feinen Faden durch die Finger gleiten ließ und das Spinnrad
munter dazu schnurrte: "Der Weihnachtsmann? Hinter dem Walde in den Bergen!
Aber niemand weiß den Weg zu ihm. Wer ihn sucht, rennt vergebens in der
Runde. Und die kleinen Vögel in den Bäumen hüpfen von Zweig zu Zweig und
lachen ihn aus. In den Bergen hat der Weihnachtsmann seine Gärten, seine
Hallen und seine Bergwerke; dort arbeiten seine fleißigen Gesellen Tag
und Nacht an lauter schönen Weihnachtsdingen. In den Gärten wachsen die
silbernen und goldenen Äpfel und Nüsse und die herrlichsten Marzipanfrüchte,
und in den Hallen sind die schönsten Spielsachen der Welt zu Tausenden
aufgestapelt. Da gibt es Säle, die angefüllt sind mit den schönsten Puppen,
gekleidet in Kattun, in Wolle, in Sammet und Seide"..."Ah:" sagte die
kleine Anna, und ihre Augen leuchteten... " und andere wieder sind ganz
voll von Trommeln und Säbeln und Gewehren, Kanonen und Bleisoldaten"...
"Oh!" rief der kleine Werner, und seine Augen funkelten.
Diese Geschichte kam ihm nicht wieder aus dem Sinn, und er dachte es sich
herrlich, wenn es ihm gelingen könnte, den Weg nach diesem Wunderland
zu entdecken. Einmal war er bis an die Berge gelangt und dort lange umhergestreift;
allein er hatte nichts gefunden als Täler und Hügel und Bäume wie überall.
Die Bäche, die dort liefen, schwatzten und plauderten wie alle Bäche;
allein sie verrieten ihr Geheimnis nicht. Die Spechte hackten und klopften
dort wie anderswo im Walde auch und flogen davon, und an den Eichhörnchen,
die eilig die Bäume hinaufkletterten, war auch nichts Besonderes zu sehen.
Wenn ihm nur jemand hätte sagen können, wie der Weg in das wunderbare
Weihnachtsland zu finden sei, er hätte das Abenteuer wohl bestehen wollen.
Die Leute, die er danach fragte, lachten ihn aus. Und als er deshalb der
Mutter seine Not klagte, da lachte sie auch und sagte, das solle er sich
nur aus dem Sinne schlagen; was sie ihm damals erzählt habe, sei ein Märchen
gewesen wie andere auch.
Aber der kleine Werner konnte die Geschichte doch nicht aus seinen Gedanken
bringen, obgleich er nun niemand mehr danach fragte. Nur mit der kleinen
Anna sprach er zuweilen beim Holzsammeln davon, und beide malten sich
schöne Traumbilder aus von den Herrlichkeiten des wunderbaren Weihnachtslandes.
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