Der glückliche kleine Vogel
Verfasser noch unbekannt
Zizibä saß in einem kahlen Fliederbusch und fror. Zizibä
war ein kleiner Vogel . Er hatte sein Federkleid dick aufgeplustert, weil`s
dann ein wenig wärmer war. Da saß er wie ein dicker, runder
ball, und keiner ahnte, wie dünn sein Körper drunter
aussah. Zizibä hatte die Augen zu. Er mochte schon gar nicht mehr
hinsehen, wie die Schneeflocken endlos vom Himmel herunterfielen und alles
zudeckten. Alle Futterplätze waren zugeschneit. Ach und Hunger tat
so weh. Zwei Freunde von
Zizibä waren schon gestorben. Stellt Euch mal vor, Ihr müsstet
in einem kahlen Strauch sitzen,ganz alleine im Schnee, und hättet
nichts zu essen. Kein Früh-
stück, kein Mittagessen - und abends müsstet Ihr hungrig einschlafen,
ganz allein draußen im leeren Fliederbusch, wo`s dunkel ist und
kalt. Das wäre doch schlimm.
Zizibä musste das alles erleiden. Er saß da und rührte
sich nicht.Nur manchmal schüttelte er den Schnee aus den Federn.
Wieder ging ein hungriger Tag zu Ende. Zizibä wollte einschlafen.
Er hörte plötzlich ein liebliches Geklingel. Dann wurde es hell
und warm, und Zizibä dachte: Oh, das ist gewiss der Frühling.
Aber
es war der Weihnachtsengel. Er kam daher mit einem Schlitten voller Weihnachtspakete.
Er sang vergnügt. "Morgen Kinder wird`s was geben..." und
leuchtete mit seinem Laternchen den Weg. Da entdeckte er auch unseren
Zizibä. "Guten Abend", sagte der Engel, "warum bist
du so traurig?" - "Ich hab' so Hunger", piepste Zizibä
und machte vor Kummer wieder die Augen zu. - "Du armer kleiner",
sagte der Engel, "ich habe auch nichts zu essen dabei. Woher kriegen
wir nur was für dich?" Aber das war´s ja, was Zizibä
auch nicht wusste. Doch dann hatte der Engel eine himmlische Idee.
"Warte", sagte er, "ich werde dir helfen. Bis morgen ist
alles gut. Schlaf nur ganz ruhig." Aber Zizibä war schon eingeschlafen
und merkte gar nicht, wie der Engel weiterzog und im nächsten Haus
verschwand.
Im nächsten Haus wohnte Franzel. Das war ein netter, kleiner Bub.
Jetzt lag er im Bett und schlief und träumte von Weihnachten. Der
Engel schwebte leise herzu , wie eben Engel schweben, und beugte sich
über ihn. Leise, leise flüsterte er ihm etwas ins Ohr, und was
Engel sprechen, das geht gleich ins Herz. Der Franzel verstand auch sofort,
um was sich`s handelt, obwohl er fest schlief.
Als er am nächsten Morgen wach wurde, rieb er sich die Augen und
guckte zum Fenster hinaus. "Ei, so viel Schnee", rief er, sprang
aus dem Bett, riss das Fenster auf und fuhr mit beiden Händen in
den Schnee. Dann machte er einen dicken Schneeball und warf ihn aus Übermut
hoch in die Luft. Plötzlich hielt er inne. Wie war das noch heute
Nacht? Hatte er nicht irgend etwas versprochen? Richtig, da fiel´s
ihm ein. Er sollte dem Zizibä Futter besorgen.
Der Franzel fegte den Schnee vom Fensterbrett und rannte zur Mutter in
die Küche. "Guten Morgen, ich will den Zizibä füttern,
ich brauch Kuchen und Wurst!", rief er. - "Das ist aber nett,
dass du daran denkst", sagte die Mutter, "aber Kuchen und Wurst
taugen nicht als Futter. Der Kuchen weicht auf, und die Wurst ist viel
zu salzig. Da wird der arme Zizibä statt an Hunger an Bauchschmerzen
sterben."
Die Mutter ging und holte eine Tüte Sonnenblumenkerne. "Die
sind viel besser", sagte sie. Der Franzel streute die Kerne aufs
Fensterbrett und rief: "Guten Appetit, Zizibä!" Dann musste
er sausen, um noch rechtzeitig zur Schule zu kommen.
Als die Schule aus war, kam er auf dem Nachhauseweg beim Samenhändler
Korn vorbei. Der Franzel ging in den Laden und sagte: "Ich hätte
gern Futter für die Vögel im Garten." Er legte sein ganzes
Taschengeld auf den Tisch. Dafür bekam er eine große Tüte
voll Samen und Meisenringe.
Nun rannte er nach Hause zu seinem Fensterbrett. Aber - o weh - da war
alles zugeschneit. Doch die Körner wa-ren verschwunden. Die hatte
Zizibä noch rechtzeitig entdeckt. Er hatte seine Vettern und Kusinen
herbeigeholt, und sie hatten sich einen guten Tag gemacht, während
der Franzel in der Schule war. Es darf nicht wieder alles zuschneien,
dachte der Franzel, und als sein Vater am Nachmittag heimkam, machten
sie sich gleich daran und zimmerten ein wunderschönes Futterhaus.
Das hängten sie vor dem Fenster auf.
Am nächsten Tag sprach sich´s bei der ganzen Vogelgesellschaft
herum,
dass es beim Franzel etwas Gutes zu essen gab. Das war eine große
Freude, denn kein Vogel brauchte mehr vor Hunger zu sterben, und abends,
wenn der Engel vorbeikam, sah er nur satte und zufriedene Vögel friedlich
schlummern. Dafür legte er dem Franzel noch ein Extra-Geschenk
unter den Weihnachtsbaum, und es wurde ein wunderschönes Fest.
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