Und das Christkind gibt es doch !
von Gabriele
Matzantke
Ich war fünf Jahre alt und besaß eine Kasper-Handpuppe. Ich
liebte meinen Kasper sehr und spach mit ihm wie mit einem guten Freund.
Ob ich glücklich oder traurig war, er hörte zu und spendete
mir Trost. Ja, wir waren die besten Freunde; denn für mich war Kasper
lebendig. Ich nahm ihn mit, wohin ich auch ging.
Der einzige Makel den Kasper besaß war der, daß ich nicht
mit ihm kuscheln konnte. Schließlich besaß er, da er eine
Handpuppe war, keinen Körper mit Armen und Beinen. Er hatte ein türkisfarbenes
Hemd aus Filz und Hände, die ebenfalls aus Filz waren. Nur wenn man
seine Hand hinein steckte, konnte man ihn vorübergehend zum Leben
erwecken.
Kasper hatte Ähnlichkeit mit dem Kasper eines bekannten Puppentheaters,
welches mich sehr beeindruckt hatte. Mein größter Wunsch war,
daß Kasper einen Körper mit Armen und Beinen hätte, damit
ich ihn endlich in die Arme schließen und mit ihm kuscheln konnte.
Das Jahr neigte sich dem Ende zu und Weihnachten stand vor der Tür.
Wie alle Kinder, war ich auf das Fest gespannt und hatte eine Menge Wünsche.
Mutti sagte mir, wenn ich mir wirklich wünsche Kasper solle eine
Körper erhalten müsse ich ihn abends auf die Fensterbank legen.
Bestimmt käme das Christkind ihn zu holen, um ihm einen Körper
zu schenken. Also folgte ich Muttis Rat und ging gespannt zu Bett. Vor
Aufregung konnte ich jedoch kaum einschlafen. Würde das Christkind
mir meinen Herzenswunsch erfüllen? War ich artig genug gewesen? Im
Stillen versprach ich, immer folgsam zu sein und schlief endlich ein.
Am nächsten Morgen erwachte ich früh und lief erwartungsvoll
zum Fensterbrett. Kasper war tatsächlich nicht mehr dort. Das war
der eindeutige Beweis für mich. Das Christkind gibt es wirklich.
Leider hatte ich es nicht gesehen. Dennoch, es hatte Kasper geholt und
ich würde ihn am Heiligen Abend wieder in die Arme schließen
können, meinen lieben Kasper.
Dann begann eine sehr lange Zeit des Wartens. Weihnachten schien noch
ewig weit weg zu sein und Kasper fehlte mir sehr. Es wurde Heiligabend
aber Kasper saß nicht unter dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum.
Die Enttäuschung war groß, doch ließ ich es mir nicht
anmerken.
Durch die anderen Geschenke wurde ich ein wenig abgelenkt. Dennoch die
Enttäuschung blieb. Ob es meine Schuld war? War ich nicht artig genug
gewesen? Ich hatte mich doch so bemüht. Meinen Groll zeigte ich niemand.
Ich war ganz tapfer.
Schließlich war das eine Sache zwischen mir und dem Christkind.
Nur zwischen uns beiden. Eine Chance wollte ich ihm noch geben, bevor
ich meinen Glauben an es endgültig verlieren wollte.
Denn am nächsten Tag gingen wir zur Bescherung zu den Großeltern.
Erwartungsvoll betrat ich am ersten Weihnachtstag das weihnachtlich geschmückte
Wohnzimmer meiner Großeltern, aber die Dekoration sah ich nicht.
Denn da saß - ER - mein Kasper !!!
Er trug noch immer sein türkisfarbenes Hemd hatte aber tatsächlich
einen Körper mit Armen und Beinen. Und was für welche! Die Hände
hatten sogar Finger und an den Füßen trug er rote Spitzschuhe
wie sie Till Eulenspiegel oder orientalische Könige tragen. Er hatte
rotweiß karierte Hosen an und trug eine grüne Zipfelmütze,
an deren Spitze frech ein Glöckchen baumelte.
Jetzt endlich konnte ich ihn in die Arme schließen und sogar an-
und ausziehen. Kasper hatte zwei Freunde mitgebracht, welche ihm sehr
ähnelten und dennoch nicht halb so toll aussahen wie er.
Die beiden anderen Kasper waren für meine kleine Schwester und einen
Vetter.
Überglücklich hielt ich meinen Kasper im Arm und wollte ihn
nie mehr hergeben, meinen geliebten Kasper. Und nun wußte ich es
ganz sicher:
Das Christkind gibt es doch !!!
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